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Reportage: "Terra Grischuna" (August 2009)

 

Das UNESCO-Welterbe verpflichtet

 
         
 
 

Seit 1972 haben 185 Staaten die Welterbekonvention der UNESCO, der Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur unterzeichnet, um die Kultur- und Naturgüter der Welt, die einen „aussergewöhnlichen universellen Wert „ besitzen, zu erhalten. Zu diesen Gütern gehören seit dem 7. Juli 2008 auch die Albula- und Berninalinie der Rhätischen Bahn.

© Text und Bilder Walter Schmid/ws-press

Es kam einer stehenden Ovation nach einem eindrücklichen und hinreissenden Orchesterkonzert gleich, als sich die Fahrgäste im offenen Panoramawagen von ihren Sitzen erhoben. Ins Blickfeld der Berninabahn-Passagiere ist eben der Palügletscher gerückt, mit seiner gleissenden Oberfläche zwischen dem Grün des Waldes und dem Blau des Himmels. Verzückte Blicke, gezückte Kameras und ein italienischer Fahrgast gab seinem Erstaunen – zum zweiten Mal nach der Passage des Kreiselviadukts in Brusio – Ausdruck: „Che spettàcolo grandioso!“

Das Spektakel in Form des Zusammenspiels von einmaliger Gebirgsbahn, wunderschönen Landschaften und vielfältiger Kultur besteht nicht erst, seit die Albula- und Berninalinie der RhB am 7. Juli 2008 in die Welterbe-Liste der UNESCO aufgenommen worden ist. Einzigartig sind die Strecken seit ihrer Vollendung (1903 und 1910). Die Albulabahn (Thusis - St. Moritz) galt schon zur Zeit ihrer Entstehung als Meisterwerk, und die Berninabahn (St. Moritz - Tirano) wurde im Alpenraum Vorbild für viele projektierte und einige gebaute Überlandbahnen. Heute ist die Berninastrecke weltweit eine Exklusivität: Es handelt sich um die höchstgelegene Alpentransversale und um eine der steilsten Adhäsionsbahnen der Welt. Die harmonische Beziehung von Landschaft und Bahn auf beiden Linien ergab sich durch eine vorausschauende Planung und die glückliche Verbindung technischer Innovationen und Rücksichtnahme auf die Landschaft – das sind die eigentlichen Kerngründe für die Aufnahme ins UNESCO Welterbe.

 

Nachhaltiger Umgang mit der Kulturlandschaft

Neben der Bahnlinie mit ihren Hoch- und Kunstbauten zwischen Thusis und Tirano als Kernzone gehört zur Welterbestätte daher auch die sie umgebende Landschaft mit all ihren wichtigen und wertvollen kulturellen Anlagen und Orte von nationaler Bedeutung inklusive des gesamten von der Bahn aus sichtbaren Bereichs der Landschaft. Dieser Lebens- und Wirtschaftsraum hat sich in den letzten Jahrzehnten entwickelt und gewandelt. Dies soll auch als Welterbe möglich sein und zwar so, dass Bahn und Kulturlandschaft auch in der nächsten Generation «welterbewürdig» sind. Ziel ist eine nachhaltige Entwicklung des Kultur-, Lebens- und Wirtschaftsraumes. Mit besonderen Bestimmungen wird deshalb sichergestellt, dass die Entwicklung und der Umgang so erfolgen, dass seine besonderen Qualitäten in Bezug auf Bahn und Kulturlandschaft mindestens erhalten bleiben.

Bei den Bestimmungen zum nachhaltigen Umgang mit der Kulturlandschaft wird weitgehend auf bereits bestehende Gesetze und Instrumente abgestützt. So haben die Raumpläne seit je her das Ziel, die nachhaltige Entwicklung des Kultur-, Lebens- und Wirtschaftraumes sicherzustellen.

 

Keine Museumsbahn

Natürlich soll auch auf der RhB-Strecke Thusis - St. Moritz - Tirano in Zukunft ein nachhaltiger Umgang mit dem Erscheinungsbild und dem Charakter durch einen engen Einbezug von Experten im Bereich Technik, Architektur und Landschaft sichergestellt werden. So werden Sanierungen von Kunstbauten auf Grundlage der Zusammenarbeit mit der kantonalen Denkmalpflege oder anderen Experten festgelegten Bauweisen erfolgen. Museumsbahnen sollen die Albula- und Berninastrecken keine werden, sondern weiterhin als moderne, leistungsfähige Linien das Rückgrat des Streckennetzes der RhB bilden. Jüngstes Beispiel dafür ist die Renovation des Landwasserviadukts, das grösste und spektakulärste Bauwerk auf der 63 Kilometer langen Albulastrecke. Die Konstruktion der drei Hauptpfeiler im 1901/02 war eine architektonische Meisterleistung. Am statischen Zustand gibt es auch 106 Jahre später nichts zu rütteln. Erneuerungsbedürftig sind jedoch die Brückenabdichtung, der Mörtel des Mauerwerks sowie die Fahrbahn, damit der Viadukt seine Funktion weiterhin erfüllen kann. In neuem Glanz zeigt sich das Bauwerk ab Ende November 2009.

Traktandiert ist bei der RhB auch eine umfassende Erneuerung des Albulatunnels. Im Zuge der Hauptinspektion im Jahre 2006 zeigte sich, dass rund 60% des Tunnels in den nächsten Jahren instand gestellt werden muss. Geprüft werden eine integrale Instandsetzungsvariante und eine Neubauvariante. Noch in diesem Jahr soll die Variantenfrage und eine mögliche Finanzierungsart geklärt werden. Mit dem eigentlichen Baubeginn rechnet man frühestens Ende 2011.

 

Management durch Trägerverein

Die Rhätische Bahn und ihre touristischen Partner wollen das Welterbe-Label zusammen nutzen und mit seiner Hilfe mehr Gäste für den Besuch dieser faszinierenden Strecken und damit auch für den Kanton gewinnen. Dem Management des Welterbes kommt deshalb eine besondere Bedeutung zu. Zu diesem Zweck wurde der Trägerverein „UNESCO Welterbe Rhätische Bahn in der Landschaft Albula/Bernina“ gegründet. Präsident ist Erwin Rutishauser, Vorsitzender der Geschäftsleitung Rhätische Bahn AG. Der Verein ist zuständig für die Koordination aller Institutionen, die sich mit dem Erhalt und der Weiterentwicklung des Gutes beschäftigen (siehe Kasten). Die stimmberechtigten Mitglieder sind gemäss Statuten der Bund, der Kanton Graubünden, die Provinz Sondrio, die RhB und die 23 Gemeinden im Perimeter des Welterbes. „Mit der Mitgliedschaft manifestieren die relevanten Entscheidungsträger ihr Bekenntnis zur Erhaltung der Albula- und Berninastrecke mit der sie umgebenden Landschaft“, so Erwin Rutishauser. Es äussere sich darin auch eine grosse Wertschätzung und Respekt gegenüber den Erbauern dieser einzigartigen Bahnlinien sowie auch gegenüber den nachfolgenden Generationen. „So sollen auch die zukünftigen Aktivitäten der RhB sowie der beteiligten Institutionen entlang der Strecke von Nachhaltigkeit und dem sensiblen Umgang mit dem Erbe geprägt sein.“     

 

 

INFO

 

Verein Welterbe RhB: Charta – Präambel

Im Bewusstsein, für das Gut Rhätischen Bahn in der Kulturlandschaft Albula/Bernina von aussergewöhnlichem, universellem Wert Verantwortung zu übernehmen, streben alle Mitglieder des Vereins danach 

  • das international bedeutende Denkmal Rhätische Bahn in der Kulturlandschaft Albula/Bernina mit geeigneten Schutz- und Unterhaltsmassnahmen in Erscheinungsbild, Charakter und Substanz zu erhalten und in Beachtung der festgelegten Spielregeln und den Werten und Zielen der UNESCO und des Übereinkommens zum Schutze des Natur- und Kulturerbes der Welt verpflichtet weiterzuentwickeln,

  • die bestehenden Schutz- und Planungsinstrumente für die Bahn und die Kulturlandschaft zu koordinieren und weiterzuentwickeln,

  • den Zustand des Gutes mit geeigneten Monitoring- und Controllingmassnahmen laufend zu überprüfen und die Erkenntnisse der Überprüfungen zur Verbesserung des Managementes der Stätte einzusetzen,

  • zu diesem Zweck zusammenzuarbeiten, sich auszutauschen und gemeinsame Anstrengungen im Dienste der Sache zu unternehmen,

  • die kulturelle Vielfalt der Region zu bewahren und mit geeigneten Maßnahmen zu fördern,

  • auch Werte des immateriellen Erbes als identitätsstiftende und zu wahrende und zu schützende Qualitäten anzuerkennen und entsprechend zu handeln,

  • die ökonomisch effiziente und nachhaltige Nutzung der Bahn als umweltschonendes Verkehrsmittel zu fördern und zu unterstützen,

  • die regionale Wertschöpfung zu fördern mit Projekten, die sowohl die Bahn als auch die Kulturlandschaft mit ihren kulturhistorisch wertvollen Charakter bewahren,

  • Durch den Schutz, die ökonomischen Nutzung und die daraus resultierende Wertschöpfung die Zukunftsfähigkeit des UNESCO Welterbes zu sichern,

  • mit qualitativ hochwertigen und authentischen Informations- und Tourismusangeboten die Gäste und die einheimische Bevölkerung auf die einmaligen Werte aufmerksam zu machen und dafür zu sensibilisieren.

 
  Reportage-Auftaktseite.    
     
     
     
     
     
       

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